Blinde Kritiker?


 

 

Überreichliches Angebot und breite Auswahl zwingen zur Entscheidung. Ständig. Das versetzt den Menschen in Stress. Das will er nicht. Daher sucht er nach Entscheidungshilfen.

Beim Wein sind das Kritiker wie Robert M. Parker & die üblichen Verdächtigen, an deren Punkten, Sternen und Gläsern sich die Weinkunden orientieren wie früher die Seefahrer an den Gestirnen im Dunkel der Nacht.

 

Zugegeben: Es hat Vorteile, wenn man sich an die Bewertungen der Kritiker hält. Man muss sich nicht selbst durch Hunderte Weine kosten, weil das jemand für einen übernimmt und seine Erkenntnisse zu Papier bringt. Mag sein, dass man durch das Urteil eines Kritikers vor groben Fehlgriffen bewahrt bleibt, aber wer garantiert, dass der Geschmack des Weinkritikers mit dem eigenen konform geht?

Hinter objektiv scheinenden Bewertungssystemen stecken dennoch subjektive Beurteilungen einzelner Verkoster. Ein von Kritikern schlecht bewerteter Wein hat von Anfang an wenig bis keine Chancen, von den Konsumenten unvoreingenommen gekostet zu werden.

So gewinnt ein relativ kleiner Zirkel von Experten massiven Einfluss auf den globalen Weingeschmack.

Alle Bewertungen über einen bestimmten Wein zu lesen, erfordert viel Zeit. Und wehe, der Wein wird von verschiedenen Kritikern unterschiedlich beurteilt: Schon sind wir wieder Zerrissene und stürzen ins nächste Entscheidungsdilemma!

Kann selbst der feinste Gaumen der Welt 100 oder mehr Weine pro Tag verlässlich kosten? Jeder, der sich ein wenig mit der Materie beschäftigt, weiß, dass nach 10 bis 12 schweren, binnen weniger Minuten durch den Mund gespülten Rotweinen die Geschmacksnerven abzustumpfen beginnen.

Dazu kommt: Viele Kritiker weigern sich, die Weine blind zu kosten, was die Sicherheit und Objektivität des Urteils zumindest fragwürdig erscheinen lässt.

Einige Spitzenwinzer gehen inzwischen so weit, ihre Weine bei Verkostungen nicht (mehr) einzureichen, wie etwa Roland Velich aus dem Burgenland. Sie sind der Meinung, ihre Weine würden sich für die üblichen Ruck-Zuck-Verkostungen absolut nicht eignen, weil sie eben Zeit bräuchten, sich zu öffnen, die man ihnen aber bei schnellen Degustationsdurchgängen nicht gewähren würde.

Einer der Pioniere des Südtiroler Qualitätsweins, Alois Lageder, wird seit Jahren von der italienischen Weinbibel Gambero Rosso mit völliger Nichtbeachtung bestraft.

Weinkritiker können mit ihrem Urteil das Image von Weinregionen und einzelnen Weinen binnen kürzester Zeit in den Himmel heben oder zunichte machen, Preise explodieren oder erodieren lassen, Existenzen vernichten oder Winzern Reichtum bescheren.

Sie beeinflussen Weinstile, geben Trends vor.

Wie sehr die Meinung des Kritikers das Geschmacksempfinden des Kunden beeinflusst, zeigt eine Studie von Michael Siegrist und Marie-Eve Cousin vom Lehrstuhl für Konsumverhalten an der ETH Zürich (Appetite, Bd. 52, S. 762, 2009):

163 Testpersonen bekamen einen Wein vorgesetzt, den Robert M. Parker mit 92 von 100 Punkten bewertet hatte. Die eine Hälfte der Tester wusste beim Kosten von diesem Parker-Urteil, der anderen wurde gesagt, der Wein hätte nur 72 Punkte von ihm bekommen.

Ergebnis: Denjenigen, die die „echte“ Parker-Bewertung kannten, schmeckte der Wein deutlich besser als jenen, die der Meinung waren, sie hätten nur einen 72 Punkte-Wein vor sich. Erstere waren auch bereit, deutlich mehr für den Wein zu bezahlen (Parker hatte ja schließlich 92 Punkte dafür gegeben …) als die 72-Punkte-Gruppe, der der Wein deutlich weniger wert war.

Vielleicht sollte auch für Weinkritiker gelten, was der NEW YORKER vor kurzem über Restaurantkritiker schrieb: „We have never believed that there were experts that should tell us what to do.“


4 Antworten zu “Blinde Kritiker?”


  1. erich sagt:

    aber wie können wir zu mehr objektivität kommen ?

  2. Bernhard sagt:

    1. Ausschließlich Blindverkostungen.
    2. Der Wein wird stets von mehreren, voneinander unabhängigen Tastern bewertet. Das beste und das schlechteste Ergebnis wird – wie beim Skispringen – gestrichen.
    3. Keine Punkte, Sterne, Gläser – das entmündigt den Kunden. Statt dessen ausschließlich verbale Beurteilung des Weines.
    4. 100% Objektivität wird es nie geben.

  3. Erich Wagner sagt:

    wer wird da wohl am besten davonkommen ?

  4. forstinger philip sagt:

    Daher finde ich die Falstaff Beurteilung nicht objektiv genug.
    Die AWC Bewertung ist mit seiner Verkostung sicherlich empfehlenswerter, und darüber hinaus noch für Österreich äußerst vorteilhaft.

Hinterlasse eine Antwort