China ist für westliche Weinproduzenten und –exporteure der Hoffnungsmarkt der Zukunft
Bei großen westlichen Weinproduzenten und -exporteuren herrscht Goldgräberstimmung, wenn es um China geht: Jeder scheint einen ehrgeizigen Business-Plan für das bevölkerungsreichste Land der Welt in der Tasche zu haben.
Aber jeder, der geschäftliche Erfahrungen mit China hat, weiß auch: Es ist nicht immer leicht, Hoffnung von Hype zu trennen.
Denn China ist kein traditionelles Land der Weintrinker. Noch nicht. Das dürfte sich bald ändern.
Warum?
• Derzeit macht China zwar nur einige wenige Prozent des Weltweinmarktes aus, doch stieg dieser Anteil zwischen 2004 und 2008 um rund 50 %, und verspricht auch in Zukunft gewaltig zu wachsen.
• Für das Jahr 2013 wird für das Reich der Mitte bereits ein Absatz von 1,26 Milliarden Flaschen Wein erwartet: Das wäre knapp ein Drittel mehr als 2009.
• Allein im vergleichsweise reichen, urbanen Hongkong ist der Weinabsatz binnen vier Jahren um 76 % gestiegen. Jede dritte dort getrunkene Flasche kommt aus Frankreich.
• Seit dem Jahr 2000 hat China seine Champagner-Importe auf eine Million Flaschen verzehnfacht.
• Von den 1,33 Milliarden Chinesen kommen derzeit etwa 23 Millionen in Frage, die sich importierte Weine leisten können. Darunter sind jene 14 Millionen, die bereits jetzt importierte Weine konsumieren.
• Dazu kommt: Eine trotz Wirtschaftskrise rasch wachsende Ökonomie (+ 8 % im Jahr 2009) lässt viele Chinesen wohlhabend werden: Für 2025 erwartet man bereits 80 Millionen potenzielle Käufer von ausländischen Weinen, also mehr als drei mal so viel wie heute.
• Reiche Chinesen ersteigern zu Wahnsinnspreisen alte Weinjahrgänge bei Christie’s und Sotheby’s, kaufen wie wild Bordeaux en primeur. Der Decanter hat seine Bordeaux-Bewertungen für 2009 erstmals auch in chinesischer Sprache herausgegeben.
Mit der Modernisierung des Landes und wachsendem Wohlstand ändert sich der Lebensstil der urbanen, gebildeten Eliten, ihr Hunger nach westlichen Produkten und Kultur wächst. Und dazu gehört auch der Weinkonsum.
Das Image westlicher Weine in China ist hoch, höher als bei allen anderen alkoholischen Getränken. Wein wird mit feiner, entwickelter Ess- und Lebenskultur in Verbindung gebracht und auch von jenen geschätzt, die mit den in China sonst gern getrunkenen, hochprozentigen Alkoholika aus dem Westen, etwa Whisky, nichts anfangen können – darunter sind auch viele besser verdienende, weibliche Angestellte in den Städten.
Zwischen Peking, Shanghai und Hongkong werden auch bei Business-Terminen bevorzugt westliche Weine auf den Tisch gebracht – nicht nur, weil sie den chinesischen Weinen geschmacklich vorgezogen werden, sondern auch weil sie den Gastgeber als „Kenner“ und Mann von Welt ausweisen.
Chinesen kaufen Weine aus dem Westen aufgrund
• der Herkunft (da hat Frankreich mit seiner Tradition und seinem hohem Image einen großen Vorteil)
• Mundpropaganda/persönliche Empfehlung von Freunden/Bekannten
• gute Information auf dem Rückenetikett
• Qualität (Bewertung in Weinführern etc.)
• traditionelles Label und Verpackung (auch da hat Frankreich einen Pluspunkt)
Allerdings: Allzu hohe Preise und fehlende Beschriftung der Flaschen mit chinesischen Schriftzeichen sind bei vielen als Käufer in Frage kommenden Chinesen ein Kauf-Handicap.
Bekannte Weingüter haben von vornherein bessere Chancen, doch ist der gute Name auch nur mehr die Hälfte wert, wenn ihn Chinesen schwer aussprechen können: Latour oder Lafite haben Vorteile etwa gegenüber Leoville Poyferre, Ducru Beaucaillou oder Lynch Bages.
Von VW-Boss Ferdinand Piëch ist in Bezug auf seine ambitionierten Verkaufspläne in China das Bonmot überliefert: „Ich hole die Chinesen vom Fahrrad.“
Analog dazu denken sich die Weinproduzenten heute wohl: „Wir nehmen den Chinesen die Teetasse weg.“

