Frankreich: „Vin de France“ propagiert Markenweine ohne geografische Herkunftsbezeichnung – Traditionsbruch oder modernes Vermarktungskonzept?
Was ist los in Frankreichs Weinszene? Die einen halten es für eine Katastrophe und einen Bruch mit der französischen Weintradition. Für die anderen ist es eine neue, moderne und aussichtsreiche Möglichkeit, ihre Weine weltweit besser zu vermarkten – und dabei wohl auch Überproduktion bzw. Lagerbestände abzubauen ….
Jedenfalls geht es – wie immer – ums Geschäft.
Stein des Anstoßes
Das traditionelle, weltweit vorbildliche Appellationssystem Frankreichs, das seit jeher die Herkunftsregion des Weins in den Vordergrund stellt, bekam Konkurrenz: Das neue Vermarktungssystem „Vin de France“ stellt die Handelsmarke und die Rebsorte eines Weins in den Mittelpunkt – zielt also eindeutig vorwiegend auf internationales, nicht französisch sprechendes Publikum, das sich nicht lange mit komplizierten Begriffen wie etwa Vin de Pays Côtes Catalanes herumschlagen will und dann immer noch nicht weiß, welche Rebsorte in der Flasche steckt.
Die im Herbst 2009 geschaffene Weinkategorie Vin de France umfasst – in Frankreich kaum vorstellbar – Weine ohne geografische Herkunftsbezeichnung, ermöglicht zwar die Nennung von Rebsorte und Jahrgang, schreibt sie aber nicht vor.
Die Vin de France-Kategorie erlaubt es Produzenten, Weine aus verschiedenen Regionen Frankreichs zu verschneiden, um einen über die Jahre in Qualität und Stil gleichbleibenden Wein zu erzeugen und ihn unter einer Handelsmarke zu verkaufen, die nichts mit der Region, der Rebsorte oder dem Produzenten zu tun haben muss.
Dies ist also das komplette Gegenteil von allem, was bisher in Frankreich heilig war, auch das Gegenteil zu allen anderen regionalen Appellationssystemen (DAC in Österreich, DOC in Italien etc.), und wirkt auch gegen alle Bemühungen, regionale Weine stärker auf dem Weltmarkt zu positionieren und sich damit vom globalen Einheitsgeschmack zu unterscheiden.
Für junges Publikum
Das Vin du France-Konzept will eigenen Aussagen zufolge vor allem jüngeren Konsumenten leicht zugängliche, Jahr für Jahr gleich schmeckende Weine in konstanter Qualität und zu niedrigen Preisen bieten.
Prototyp eines Vin du France-Produzenten ist die 1984 geschaffene, im Besitz von Grands Chais de France befindliche Marke „J. P. Chenet“. 64 Millionen Flaschen dieser Marke werden jährlich – fast ausschließlich im Ausland – verkauft. Damit ist J. P. Chenet Frankreichs größter Weinexporteur und liefert nach eigenen Angaben in 160 Länder der Welt.
Das Unternehmen produziert mehrere Weine, die alle in der gleichen, eigens für den Konzern gestalteten Flasche mit schrägem Hals abgefüllt werden. Das Etikett und die unverkennbare Flasche prägen die künstlich geschaffene Marke. J.P. Chenet schreibt sich selbst zugute, der erste Produzent eines weltweit bekannten Weins im „französischen Stil“ gewesen zu sein – was immer dies auch sein mag.
Als Promoter des Vin de France-Konzepts tritt der Branchenverband Anivin (Association Nationale Interprofessionnelle des Vins de France) auf, welcher seinerseits im Einflussbereich der mächtigen AGEV (Association Générale des Entreprises Vinicoles) steht, die große Weinproduzenten und Händler vertritt.
Anivin hofft, dass viele französische Hersteller aus dem alten Appellationssystem aussteigen und sich mit dem neuen Vermarktungssystem anfreunden.
Allerdings kann kein Winzer rechtlich gezwungen werden, auf das neue Markenkonzept umzusteigen. Es scheint ohnehin von und für große Produzenten mit riesigen Produktionsmengen geschaffen zu sein.
Kleine Winzer an der Rhône, in Burgund oder Südfrankreich, die auf einigen Hektar wenig produzieren und kaum Absatzprobleme haben, werden sich wohl kaum ihren guten Ruf verderben wollen, indem sie ihre hochwertigen Weine mit Fantasiemarkennamen verwässern.
Die Kontrolle des herkömmlichen Appellationssystems liegt weiterhin beim regierungsnahen INAO (Institut National des Appellations d‘Origine), dessen Wein-Autorität – als offizieller Teil des Agrarministeriums – unbestritten die höchste in Frankreich ist.
Hier finden Sie Weine aus Frankreich, die NICHT nach dem Vin de France-Konzept produziert werden.



Naja ob Weine mit einem niedrigen Preis wirklich gut schmecken? Und ist das dann nicht unfair gegenüber den Winzern? Fragen über Fragen. Bisher gab es doch auch noch nicht erhebliche Probleme mit dem bisherigen System für Rot-und Weißwein.